Ritalin statt Erziehung? Schwierige Familienverhältnisse fördern ADHS

RitalinRitalin wird bei Kindern und Jugendlichen zur Behandlung von AD(H)S eingesetzt. Trotz intakter Familienverhältnisse und trotz aller Bemühungen der Eltern und Pädagogen kann AD(H)S die  Lebensqualität eines Heranwachsenden drastisch herabsetzen. Wenn sich ein Kind aufgrund einer biochemischen Fehlfunktion nicht richtig konzentrieren kann, dann wird sich auch durch vermehrte Zuwendung und Nachhilfe nichts an seinem Zustand ändern. Doch es gibt auch eine andere Seite: Kinderärzte und Psychologen warnen seit Jahren, dass Ritalin immer häufiger und immer leichtfertiger verschrieben wird. Viel zu oft liegen den AD(H)S-Symptomen keine biochemischen oder genetischen Ursachen zugrunde, sondern schlicht und ergreifend Vernachlässigung, schwierige Familienverhältnisse und mangelhafte Erziehung.

AD(H)S – ein Problem der sozialen Unterschicht?

Im Jahr 2011 wurde rund 620.000 Kindern und Jugendlichen AD(H)S bescheinigt. Ritalin ist inzwischen so weit verbreitet, dass sich auf den Schulhöfen ein regelrechter Schwarzmarkt entwickelt hat. Kinder, die auf eine Drogenerfahrung aus sind, können heute von ihren Mitschülern Ritalin kaufen wie früher Kaugummis.

Vieles deutet darauf hin, dass es sich dabei zu einem hohen Prozentsatz um Verlegenheitsdiagnosen handelt, weil die wahren Ursachen der kindlichen Verhaltensstörungen nicht ausfindig gemacht und andere Therapiemöglichkeiten nicht in Betracht gezogen werden.

Neue Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass die Ursache der Entwicklung von vermeintlichen AD(H)S-Symptomen häufig in schwierigen Familienverhältnissen zu finden ist. So auch eine schwedische Studie aus dem Jahr 2010: Aus ihr geht hervor, dass Mütter mit geringer Schulbildung zu 130 Prozent häufiger ein Kind mit ADHS haben als besser ausgebildete Mütter; Kinder von Alleinerziehern bekamen bis zu 54 Prozent häufiger ein AD(H)S-Medikament verschrieben als Kinder, die mit beiden Elternteilen wohnten. Auch der Empfang von Sozialhilfe in der Familie erhöhte die Wahrscheinlichkeit einer AD(H)S-Medikation um 135 Prozent. Mütter mit geringer Bildung seien häufig auch in anderen Bereichen benachteiligt. Stress, Geld- und Zeitmangel sowie Mangel an sozialer Unterstützung können dazu führen, dass Kinder AD(H)S-Symptome entwickeln (Quelle).

Erziehungsexperte Remo Largo, der lange in der Kinderheilkunde praktiziert und geforscht hat, berichtet in einem Interview mit der Zeit 2013 über seine Erfahrungen. Die hohe Anzahl der AD(H)S-Diagnosen führt er darauf zurück, dass sich Ärzte zu wenig Zeit nehmen, um andere Erkrankungen auszuschließen. „Um wirklich herauszufinden, weshalb ein Kind verhaltensauffällig ist, braucht es eine mindestens vierstündige Abklärung von Motorik, Sprache, Sozialverhalten und Kognition. Dieser Aufwand wird selten betrieben, meist wird nur ein Fragebogen ausgefüllt oder ein kurzes Gespräch geführt.“ Largo vertritt den Standpunkt, dass eine Behandlung mit Ritalin nur in wenigen Fällen die beste Wahl ist (Quelle).

Auch der deutsche Wissenschaftsjournalist und Sachbuchautor Jörg Blech sieht die wachsende Zahl der Ritalin-Verschreibungen kritisch. Er meint: „Das Temperament der Kinder ist gleich geblieben, aber die Art und Weise, wo wir die Grenze ziehen und ab wann wir Medikamente geben, hat sich verschoben. Die Toleranzschwelle gegenüber Kindern, die Temperament haben, ist gesunken. Das ist ein kultureller Bewusstseinswandel (Quelle).“

Argumente für eine Behandlung mit Ritalin

Trotz aller Kritik darf nicht vergessen werden, dass es auch zahlreiche Fälle von „echtem“ AD(H)S gibt, wo eine Verschreibung von Ritalin die beste momentan bekannte Therapie darstellt. Wenn durch ein biochemisches Ungleichgewicht die Funktion bestimmter Neurotransmitter im Gehirn gestört ist, kann das Medikament schnell und sicher Abhilfe schaffen und die verbesserte Lebensqualität der betroffenen Kinder wiegt in solchen Fällen schwerer als die Nachteile dieser Therapie. Andere Therapiemöglichkeiten – etwa durch bestimmte Antidepressiva – können das in den meisten Fällen nicht leisten.

Ebenfalls sollte erwähnt werden, dass etwa ein Drittel der AD(H)S-Kinder im Erwachsenenalter ohne Ritalin auszukommen lernt – zum einen, weil sich die Verhaltensstörungen oft im Laufe der Pubertät mildern und zum anderen, weil sie sich die Symptome im Berufsleben nicht mehr so stark auswirken wie in pädagogischen Lernsituationen.

Zusammenfassend kann gesagt werden:

  • Die Toleranz gegenüber Verhaltensauffälligkeiten ist gesunken.
  • AD(H)S wird als Verlegenheitsdiagnose genutzt, wenn die wahren Ursachen einer Verhaltensstörung nicht ausfindig gemacht werden können.
  • Sozioökonomische Ursachen von Verhaltensauffälligkeiten werden zu wenig berücksichtigt.

Den Eltern, die ihren Kindern auf ärztlichen Rat Ritalin verabreichen, kann kein pauschaler Vorwurf gemacht werden. Vielmehr wäre es Aufgabe der Gesundheitspolitik, bei der Behandlung von Kindern nicht an der falschen Stelle zu sparen, sondern genügend Ressourcen für bessere Diagnosemöglichkeiten zur Verfügung zu stellen. Eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe wäre es, soziale Rahmenbedingungen zu schaffen, welche die Bedürfnisse der Heranwachsenden im Fokus haben.

 

 

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