Ersatzdroge Rohypnol: Ein wachsendes Problem in der Rauschgiftszene

RohypnylEin Arzt aus Wetzlar wurde vor dem Limburger Landgericht verurteilt, weil er über Jahre hinweg an drogenabhängige Patienten starke Beruhigungsmittel – meist Rohypnol – verschrieben hat. Ihm wird vorgeworfen, über einen Zeitraum von vier Jahren rund 4000 Rezepte an 100 Patienten ausgestellte zu haben – 16 davon sind heute tot. Zwar folgte das Gericht nicht der Forderung der Staatsanwaltschaft nach einer Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung, da die Patienten letztlich selbst für die Einnahme verantwortlich waren, verurteilte den Arzt aber wegen der illegalen Verordnungen zu einer Geldstrafe von 3220 Euro.

Kein Einzelfall

Obwohl die Ärztekammer von einem Einzelfall spricht, dürften Vorgänge wie diese viel häufiger vorkommen, als man ahnt. Insbesondere bei langjährigen Suchtpatienten, die etwa durch das Methadonprogramm nicht geheilt werden können, werden Benzodiazepine als vergleichsweise risikoarme Ersatzdroge tagtäglich verschrieben. Während die Nebenwirkungen dieser legalen Medikamente für einen gesunden Menschen kaum vertretbar sind, können sie bei Süchtigen im Einzelfall zu einer Verbesserung der Lebens- und Gesundheitssituation führen. Das Wegfallen der Krankheitsgefahr durch verunreinigte Schwarzmarktdrogen sowie die Eindämmung der Beschaffungskriminalität werden als Argumente vorgebracht.

Medizinische Argumente gegen Substitution mit Rohypnol

Nach der vorherrschenden medizinischen Lehrmeinung ist Rohypnol bestenfalls zur kurzfristigen Substitutionsbehandlung geeignet und gilt daher generell als kontraindiziert. Begründet wird dies mit der Gefahr einer polytoximanen Suchtentwicklung, der schwierigen Überprüfbarkeit der Dosierung und dem Risiko schneller und irreversibler Persönlichkeitsveränderungen.
Problematisch wird insbesondere der Misch- oder Beikonsum gesehen: Als sogenannter „Cocktail“ ist eine Mischung aus Heroin und pulverisiertem Rohypnol, in „Lines“ durch die Nase gezogen, eine beliebte und verbreitete Konsumform. Außerdem kann Rohypnol zusammen mit Heroin aufgekocht und dann injiziert werden. Meist wird zusätzlich eine erhebliche Menge Alkohol konsumiert, um die Wirkung zu verstärken.

Substitutionsbehandlungen von Heroinabhängigen werden durch den Beikonsum wesentlich erschwert. Die Patienten sind unzugänglich und sprechen auf andere Behandlungskonzepte schlechter an als solche, die keinen Beikonsum aufweisen. Des Weiteren wird der Misch- oder Beikonsum von Benzodiazepinen für zahlreiche Todesfälle in der Drogenszene verantwortlich gemacht. Die Mischintoxikation von Heroin oder Methadon und Rohypnol zur Verstärkung der euphorisierenden Wirkung ist seit den späten 1980er-Jahren durch die sich gegenseitig verstärkende atemdepressive Wirkung dieser Stoffe für einen erheblichen Teil der Drogentoten verantwortlich gewesen. Auch werden immer wieder Suizidversuche mit Rohypnol bekannt.

Dilemma: Legales Rezept oder Schwarzmarkt

Trotz der bekannten Probleme werden immer wieder Fälle – wie zuletzt er des eingangs erwähnten Arztes aus Wetzlar – bekannt, in denen Ärzte dem Wunsch ihrer abhängigen Patienten fortgesetzt nachgekommen sind und ihnen große Mengen Rohypnol verschrieben haben. Gleichzeitig ist die Nachfrage auf dem Schwarzmarkt, wo sich Abhängige neben allerhand anderen Benzodiazepinen auch Rohypnol rezeptfrei beschaffen können, stetig gestiegen – ebenso wie die Gefahr, dass die Betroffenen in die Beschaffungskriminalität abgleiten oder sich gesundheitliche Schäden zuziehen, die unter ärztlicher Kontrolle verhindert werden könnten.

Es bleibt zu hoffen, dass in der Drogenpolitik mittelfristig ein Umdenken stattfindet und aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse Lösungen gefunden werden, mit denen sowohl die Patienten, als auch die Ärzte und die Gesellschaft als Ganzes leben können.

Quelle

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