Benzodiazepine und Angst

edvard-munch-der-schreiJeder fünfte Deutsche leidet einmal im Leben an Angststörungen oder Panikattacken. Angst vor dem Sterben, vor der Armut, vor geschlossenen Räumen, vor offenen Plätzen, vor Prüfungen, vor Flügen, vor Strahlen oder vor Keimen – die Anzahl der denkbaren Angststörungen ist möglicherweise genauso groß wie die Anzahl der Dinge im Universum. Zur Behandlung der Symptome werden in den meisten Fällen Arzneimittel aus der Gruppe der Benzodiazepine eingesetzt. Diese Medikamente haben das Potential, vorhandene Ängste wenigstens zu lindern und das Aufkommen neuer Ängste kurzfristig zu unterdrücken. Doch wie jedes stark wirksame Medikament haben auch die Benzodiazepine ihre Schattenseiten: Abhängigkeit, Leberschäden oder Tod durch Atemlähmung im Falle einer Überdosis sind nur einige davon.

Gesunde und krankhafte Angst

Angst ist ein Gemütszustand, der nicht so recht in das Profil eines aufgeklärten, gebildeten und erfolgreichen Großstadtmenschen des 21. Jahrhunderts passt. Gilt es doch, stets souverän, professionell und überlegen die Anforderungen der globalisierten Welt zu meistern. Angst oder Panik haben da nichts verloren, sie gelten als Makel eines unkontrollierten Geistes, werden vielfach sogar als Stigma empfunden.

Angstgefühle erscheinen wie Relikte aus einer fernen Urzeit, als sie unseren Vorfahren noch beim Überleben geholfen haben, indem sie diese instinktiv vor einem hungrigen Säbelzahntiger das Weite suchen ließen. Doch auch heute noch erfüllt die Angst sinnvolle Funktionen. Denn was außer Angst lässt uns bei Feuer die Flucht ergreifen, hält uns davon ab, nachts allein in dunklen Wäldern herumzulaufen oder absichtlich giftige Schlangen zu ärgern? Obwohl es logisch begründbar ist, bei Feuer zu fliehen, ist es in der konkreten Gefahrensituation nicht der Verstand, der unsere Beine in Bewegung setzt, sondern der Urinstinkt „Angst vor dem Feuer“.

Doch wenn nun die Angst ein natürliches Erbe der Evolutionsgeschichte ist, wo ist dann die Linie zu ziehen zwischen natürlicher, „gesunder“ Angst auf der einen und krankhaften, behandlungswürdigen Angststörungen auf der anderen Seite? Klar ist: Auch völlige Angstfreiheit wäre ein krankhafter Zustand. Doch die Grenzen zwischen normalen und pathologischen Ängsten sind fließend, und auch für Psychologen ist die Interpretation oft schwierig.

Benzodiazepine in der Behandlung von Angststörungen

Gerade weil die Abgrenzung so unscharf ist, lassen sich immer mehr Menschen angstlösende Medikamente verschreiben. Der größte Teil davon wird von Arzneien aus der Gruppe er Benzodiazepine gestellt. Präparate wie Valium, Temesta und Xanax rund zwei Drittel der im Internet angebotenen Psychopharmaka aus. Benzodiazepine verfügen über zahlreiche Vorteile: sie wirken anxiolytisch, antikonvulsiv und sedativ. Ihre Halbwertszeit ist kurz. Sie sind besser verträglich als ihre Vorgänger, die Barbiturate. Allerdings unterdrücken auch sie die Atmung und verhindern natürliche Hustenreflexe. Außerdem entwickeln viele Patienten mit der Zeit Toleranzen gegen diese Stoffe.

Fachleute raten heute zu einem vorsichtigen Umgang mit Benzodiazepinen. Im Falle von Angststörungen empfiehlt es sich, zuerst mögliche körperliche Ursachen abzuklären. Auch können kleine Veränderungen im Lebensstil – wie Ernährung oder sportliche Betätigungen – den Unterschied machen zwischen einem weitgehend unbeschwerten Leben und einer Existenz in einer Zwischenwelt aus Schlaflosigkeit, Depressionen und Ängsten. Doch auch dann, wenn krankhafte Ängste zweifelsfrei diagnostiziert werden, sollten Benzodiazepine nur die Ultima Ratio sein und nur so lange wie unbedingt nötig verschrieben werden. Patienten, die entgegen dem ärztlichen Rat auf Selbstmedikation setzten und sich aus dubiosen Quellen Benzodiazepine beschaffen, sollten sich bewusst sein, dass sie langfristig mit ihrer Gesundheit spielen. Dies ist nämlich eine durch unzählige Studien begründete „Angst“, die leider im Vergleich zu subjektiv als bedrohlicher empfundenen Ängsten bei vielen Patienten in den Hintergrund tritt.

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